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Mars Chroniken
Dein wöchentlicher Funkspruch aus dem All · Lesezeit rund 4 Minuten
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Hallo Raumfahrt-Fan,
diese Woche haben nicht die Ingenieure entschieden, was fliegt. In China stoppte ein Taifun eine startbereite Mondrakete. In Washington bestellte ein Dekret mehr als 1.000 Starts pro Jahr. Und in Europa beendete eine Zeile im Budget den Ausbau der einzigen Großrakete. Dreimal Raumfahrt, entschieden von Wetter, Politik und Geld. |
Zwölf Stunden vor dem Start bleibt Chinas Mondmission am Boden
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| Der Shackleton-Krater am Mondsüdpol, das Ziel von Chang'e-7: ein Mosaik aus Aufnahmen zweier Mondkameras, die lichtempfindliche ShadowCam macht sogar das dauerhaft beschattete Innere sichtbar. Bild: NASA/KARI/ASU (LROC- und ShadowCam-Teams) |
Am Abend des 23. August, rund zwölf Stunden vor dem geplanten Abheben, hat China den Start seiner bislang ehrgeizigsten Mondmission abgesagt. Chang'e-7 stand da längst auf der Rampe in Wenchang, die Trägerrakete Long March 5 war am 19. August dorthin gerollt worden. Die Mitteilung des Büros für das bemannte Raumfahrtprogramm bleibt dürr: Die Mission erfülle die Startbedingungen nicht und könne nicht im für dieses Jahr vorgesehenen Fenster stattfinden. Einen Grund nannte Peking nicht. Zeitgleich warnte das Staatsfernsehen vor sintflutartigem Regen auf Hainan, Taifun Narra hing über dem Golf von Tonkin, und Thailands Astronomie-Institut NARIT, das eine Nutzlast an Bord hat, sprach als erster Partner aus, was alle dachten: Der Sturm war schuld.
Was da auf der Rampe wartete, ist ein 8,2-Tonnen-Paket aus Orbiter, Lander, Rover und einem Hüpf-Roboter, wie ihn noch niemand geflogen hat: Er soll mit kleinen Triebwerken in dauerhaft verschattete Krater fliegen, auf sechs gelenkigen Beinen aufsetzen und mit seinem Wassermolekül-Analysator nach Eis suchen, dem begehrtesten Rohstoff des Mondes. Das Ziel ist eine sonnenbeschienene Anhöhe am Grat des Shackleton-Kraters, bei 88,8 Grad Süd. Gelingt die Landung, wäre sie die südlichste der Geschichte. Die bisherige Rekordhalterin, Intuitive Machines' Athena, kam im März 2025 auf 84,8 Grad Süd, und kippte um. An Bord sind 21 wissenschaftliche Nutzlasten, sechs davon international: aus Italien, Russland, der Schweiz, Thailand und Hawaii, dazu ein gemeinsames Instrument aus Ägypten und Bahrain.
Der Haken ist die Bahnmechanik. Für eine Südpol-Landung müssen Sonnenstand, Temperaturhaushalt und Funkverbindung gleichzeitig passen, und genau das macht die Startfenster so rar. Die offizielle Formulierung schließt 2026 bereits aus, chinesische Branchenkreise rechnen mit etwa März 2027, der thailändische Partner mit Frühjahr bis Jahresmitte. Für China ist es der dritte Dämpfer binnen zwei Wochen, nach dem Fehlstart der Long March 7A am 10. August und der gelandeten Zhuque-3-Stufe, die danach umkippte (mehr dazu unten). Unsere Einschätzung: Die Absage bei Taifun ist kein Versagen, sondern Vernunft. Der eigentliche Preis ist die Zeit, denn im Rennen um das Eis am Südpol war Chang'e-7 als Vorhut gedacht, und die wartet jetzt wohl bis nächstes Jahr.
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Washington bestellt 1.000 Starts, Europa bestellt ab
Der 20. August war ein Tag der Ansagen, auf beiden Seiten des Atlantiks. In Washington unterzeichnete Präsident Trump das Memorandum NSPM-17, eine neue nationale Raumtransport-Politik, die das Regelwerk von 2013 ersetzt. Die zentrale Zahl: Bis 2030 sollen Amerikas Startanlagen mehr als 1.000 Starts und Wiedereintritte pro Jahr tragen können. Zur Einordnung liefert das US-Verkehrsministerium gleich mit, dass 83 Prozent aller US-Starts derzeit über nur drei Standorte laufen. Das Memo setzt Fristen von 90 und 180 Tagen für neue Start- und Wiedereintritts-Standorte, ordnet schnellere Genehmigungen und Umweltprüfungen an, und das Begleitpapier des Weißen Hauses feiert das Ganze als Beginn des goldenen Zeitalters des Raumtransports. NASA-Chef Jared Isaacman bekommt dazu den Auftrag, eine kommerzielle Mond-Logistik zu entwickeln und Wege für kommerzielle Marsflüge auszuloten, robotisch wie bemannt.
Am selben 20. August wurde öffentlich, wie die Gegenrichtung aussieht. Gegenüber dem Fachdienst European Spaceflight bestätigte die ESA, dass die Ausbaustufe Block 3 der Ariane 6 derzeit nicht weiterverfolgt wird, samt der Kohlefaser-Oberstufe ICARUS, die rund zwei Tonnen mehr Nutzlast gebracht hätte. Es laufe keine Entwicklungsarbeit mehr, es gebe schlicht keinen Programmbedarf. Die Zahlen dahinter: Auf der Ministerratskonferenz im November 2025 zeichneten die Mitgliedstaaten für die Ariane-6-Anpassungen 145,94 von beantragten 304,4 Millionen Euro, ein Loch von 52 Prozent. Einem ESA-Studienteam wurde bereits mitgeteilt, Block 2 sei die letzte große Version der Rakete: Die geplante Enceladus-Flaggschiffmission musste ihre Auslegung von der stärkeren Ariane 64 Evo auf Block 2 umplanen.
Übrig bleiben kleinere Upgrades: die neuen P160C-Booster, die seit Juni fliegen, ein leichteres Heckteil der Hauptstufe und die Astris-Kickstage gegen 2029. Unsere Einschätzung: Ein Dekret baut keine einzige Rakete, und 1.000 Starts pro Jahr sind erst einmal Papier. Aber die Richtung der beiden Papiere könnte gegensätzlicher nicht sein. Washington behandelt Startkapazität als strategische Infrastruktur, wie Häfen oder Stromnetze. Europa behandelt seine einzige Großrakete als abgeschlossenes Projekt, hält sich aber ein Türchen offen: Sollten neue Missionen es rechtfertigen, könne man jederzeit weiterentwickeln. Die Enceladus-Planer wissen schon jetzt, was das im Zweifel heißt.
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Kurz notiert
Der Jubel hielt vier Stunden. Die Zhuque-3-Stufe, deren historische Landung wir in der Sonderausgabe gefeiert haben, ist umgekippt: Nach mindestens vier Stunden auf den Beinen gab offenbar ein Landebein nach, geschwächt durch Brände beim Ablassen des Resttreibstoffs. Bildanalysen zeigen ein Loch im Tank und zwei verformte Triebwerke. Den noch am Landetag verkündeten Wiederflug der Stufe binnen sechs Monaten hat LandSpace seither nicht bekräftigt. Die Landung bleibt ein Meilenstein, aber Wiederverwendung beginnt erst, wenn die Rakete auch stehen bleibt.
Ein Rover namens Idefix bekommt sein Ticket. Japans Raumfahrtagentur JAXA hat den Start der Sonde MMX auf den 20. Oktober gelegt, bei uns ist es der Abend des 19. Oktober um 21:41 Uhr. MMX soll als erste Mission überhaupt auf dem Marsmond Phobos landen, mindestens zehn Gramm Material einsammeln und es 2031 zur Erde bringen, die erste Probenrückkehr aus dem Mars-System. Mit dabei: der Rover Idefix vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt und der französischen Raumfahrtagentur CNES, 25 Kilogramm schwer, auf Phobos aber leicht wie 15 Gramm auf der Erde.
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Neues Video: Der beste Raketeningenieur der Welt ist kein Mensch
Während diese Woche Wetter, Politik und Geld den Takt vorgaben, verschiebt sich im Maschinenraum etwas Grundsätzlicheres: Künstliche Intelligenz beginnt, Raketentriebwerke zu entwerfen, an denen menschliche Teams Jahre säßen. Unser neues Video zeigt, wer hinter dieser stillen Revolution steckt, wie weit sie schon reicht und warum sie die Frage aufwirft, wofür es den klassischen Ingenieur künftig noch braucht.
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Sneak Peek: Was als Nächstes kommt
Am 26. August machen wir die Sonne selbst zum Teleskop: Es geht um das NASA-Konzept einer Gravitationslinsen-Mission, die uns eines Tages scharfe Bilder von Exoplaneten liefern könnte. Am 30. August treten Falcon 9, New Glenn, Starship, Long March 10B und Zhuque-3 zum großen Raketenvergleich an, nach dieser Ausgabe weißt du, warum der Zeitpunkt sitzt. Und am 2. September nehmen wir das Triebwerk auseinander, an dem Amerikas halbe Schwerlastflotte hängt: das BE-4.
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Per aspera ad astra
Dein Sirwan
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